Portrait

Der Betriebsrat

Tine Wesp

Tine Wesp
Geboren in Berlin, absolvierte sie dort 2009 ihre Ausbildung zur Maskenbildnerin. Bereits während dieser Zeit sammelte sie praktische Erfahrungen an Opernhäusern und Theatern der Stadt. 2010 führte sie ihr Weg nach Wien, wo sie zunächst am Volkstheater und später fast ein Jahrzehnt am Theater in der Josefstadt tätig war. Dort engagierte sie sich nicht nur in der Ausbildung des Nachwuchses, sondern auch als Betriebsrätin mit dem klaren Ziel, bestehende Strukturen zu hinterfragen und zukunftsfähig zu gestalten. Seit November 2022 ist sie wieder am Volkstheater Wien tätig – mit ungebrochener Leidenschaft für das Maskenbild und den Wunsch, Theaterarbeit zeitgemäß weiterzuentwickeln.
... Beantwortet unsere Fragen

Was sind Aufgaben und Rollen des Betriebsrats im zeitgemäßen Theater?

Ein Betriebsrat ist gesetzlich erst ab einer Betriebsgröße von 120 Beschäftigten verpflichtend. Dennoch ist seine Einrichtung auch in kleineren Betrieben sinnvoll, um die Rechte und Interessen der Belegschaft wirksam zu vertreten.

Der Betriebsrat übernimmt eine zentrale Funktion als Interessensvertretung der Arbeitnehmer:innen. Besonders im Theaterbetrieb, wo unterschiedliche Berufsgruppen mit verschiedenen arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen zusammenkommen, ist die Rolle vielschichtig und von großer Bedeutung. In der Regel gibt es im Theater getrennte Betriebsräte für künstlerische und technische Bereiche, da hier unterschiedliche Kollektivverträge gelten und somit auch unterschiedliche Bedürfnisse und Anliegen bestehen.

Es geht nicht nur darum, als Sprachrohr der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegenüber der Leitung aufzutreten, sondern auch als vermittelnde Instanz, wenn Konflikte auftreten und im Sinne aller Beteiligten lösungsorientiert zu handeln.

Besonders wichtig ist dabei die Verantwortung gegenüber den Kolleg:innen: Der Betriebsrat muss Vertraulichkeit wahren und stets im Sinne der Gemeinschaft handeln. Nur so kann das notwendige Vertrauen aufgebaut und erhalten werden, das für eine erfolgreiche Interessensvertretung unerlässlich ist.

Es sollte immer auf Augenhöhe kommuniziert werden. Leider wird die Kunst zu meist als das Allerhöchste Ziel angesehen, die einige Opfer fordern kann. Aus dieser Hierarchie heraus kann dann ein Verlust der Augenhöhe resultieren. Die Themen und Probleme der Technik mit Machtmissbrauch, sexuellen Übergriffen oder Übergriffen im allgemeinen mit denen sich Betroffene Person an den Betriebsrat werden oft nicht ernst genug genommen

Wo siehst du  die Grenzen der Rolle?

Meines Erachtens liegen die Grenzen des Betriebsrates darin, ein Klima aufzufangen. Wir möchten im Zeitgemäßen Theater beratend zu Seite stehen, bei Konflikten fair und lösungsorientiert handeln und nicht für die Durchsetzung der basalen Rechte eintreten müssen.

Die Betriebsräte können vermitteln, aufklären und auf menschlicher sowie rechtlicher Ebene beratend zur Seite stehen, aber nicht die grundlegenden strukturellen Defizite eines Systems allein kompensieren, das auf Machtungleichgewicht und intransparenten Entscheidungsprozessen beruht.

Die Verantwortung für ein respektvolles, faires und professionelles Arbeitsklima liegt nicht nur beim Betriebsrat, sondern bei der gesamten Institution – von der Intendanz bis zur einzelnen Leitungsebene. Nur wenn diese Verantwortung gemeinschaftlich getragen wird, kann das Theater ein wirklich zeitgemäßer, solidarischer Arbeitsplatz sein.

Utopie

Theater ist nicht nur Kunst, es ist auch Arbeitsplatz. Ein Ort, an dem Menschen unter fairen, sicheren und transparenten Bedingungen arbeiten, egal ob auf, hinter der Bühne oder in der Verwaltung.
Der Betriebsrat soll nicht als Störfaktor im künstlerischen Schaffensprozess wahrgenommen werden, sondern als integraler Bestandteil einer demokratischen Struktur, in der alle Arbeitsbereiche als gleichwertig anerkannt werden.

Damit Gleichwertigkeit gelebt werden kann, braucht es strukturelle Veränderungen:
  • Entmachtung informeller Hierarchien
    Die bestehende Hierarchie zu Gunsten der Kunst macht andere Bereiche im Theater leicht unsichtbar und damit abwertbar. Alle Abteilungen müssten ein Selbstverständnis als Mitgestaltende haben und die Leitung muss sich ihrer Verantwortung als Arbeitgeber bewusster werden
  • Stärkung der Rechte und Ressourcen des Betriebsrates
    dazu gehören
    • reale Mitbestimmung, nicht nur Anhörung
    • Schulungen, Supervision, Zugang zu externem Rechtsbeistand
    • Geschützte Kommunikationsräume
    • Eine Kultur die Whistleblower*innen schützt statt marginalisiert
  • Demokratisierung von Entscheidungsprozessen
    Entscheidungen, die Arbeitsbedingungen betreffen, sollen unter Einbeziehung von technischen, administrativen und sozialen Perspektiven geplant werden, in festen Gremien mit Stimmrecht
  • Schutzräume für alle Mitarbeitenden schaffen
    Ein zeitgemäßer Theaterbetrieb bietet Schutz bei Machtmissbrauch, Grenzverletzungen oder Diskriminierung. Der Betriebsrat muss in solchen Fällen ernst genommen werden, und es muss klare, institutionalisierte Verfahren geben – unabhängig von der persönlichen Nähe zwischen Leitung und Täter:innen. Nur so kann Vertrauen in die Institution wieder wachsen.

In der Utopie wird nicht mehr nur für die Kunst gearbeitet, sondern auch für und mit den Menschen, die sie ermöglichen. Es geht um faire Arbeitszeiten, respektvolle Kommunikation und einen strukturellen Schutz der Belegschaft – getragen von einer Leitung, die Verantwortung übernimmt, und einem Betriebsrat, der wirklich unabhängig agieren kann.

Denn wahre Augenhöhe entsteht nicht aus guten Worten, sondern aus gleichen Rechten.

Die Utopie ist unser Ziel.

Rechte und Pflichten des Betriebsrates | Arbeiterkammer