Dramaturgie der Verantwortung

Vom Krisenfall zur Kulturveränderung

Ein zyklisches Modell für Haltung, Handlung und Struktur im zeitgemäßen Theater
Modell erarbeitet von
Charlotte Koppenhöfer,
Obfrau
Portrait CHARLOTTE KOPPENHÖFER

Charlotte Koppenhöfer

Systemische Coachin & Organisationsentwicklerin

Hintergrund in Theater, Psychologie und Odenwaldschule: Genug Stoff für drei Leben und einen Ethikpodcast.

Spezialgebiet: Chaos sortieren.

Berät Unternehmen auf dem Weg zu reibungslosem Arbeiten, effizienten Strukturen und weniger Machtspielchen. Hat ein Faible für gute Prozesse, schlechte Ausreden und utopietaugliche Arbeitskulturen. Entwickelte für den Verein Das zeitgemäße Theater mit dem Wiener Modell Dramaturgie der Verantwortung eine zyklische Vier-Phasen Handlungsleitung im Umgang mit Machtmissbrauch und anderem Fehlverhalten jenseits von Empörung und PR.

Machtmissbrauch und Fehlverhalten in Kulturinstitutionen sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck struktureller Dynamiken. Ein ausschließlich reaktives, lineares Krisenmanagement greift deswegen gleichermaßen wie der reine Fokus auf Prävention zu kurz und kann die betroffene Institution langfristig schwächen. Auch wenn jeder Fall singulär zu betrachten ist, lohnt es sich, dabei allgemeingültigen Verfahrensschritten zu folgen. Darüber hinaus ist es wesentlich, Betroffenen wie Beschuldigten eine verlässliche Verfahrensorientierung zu bieten.

Dramarturgie der Verantwortung

Ein zyklisches Vier-Phasen-Modell

Das hier vorgestellte Modell bietet eine systematische, praxisnahe Orientierung für Theater und andere Kulturinstitutionen, die mit Fällen von Machtmissbrauch, grenzverletzendem Verhalten oder übergriffigen Strukturen konfrontiert sind oder vorbeugend tätig werden möchten. 

Es gliedert den Umgang in vier aufeinander bezogene Phasen:

Intervention

Phase #1
# Leitfaden
Die Interventionsphase dient dem sofortigen Schutz der Betroffenen und dem Krisenmanagement bei Verdacht auf Machtmissbrauch oder anderem Fehlverhalten.
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Untersuchung

Phase #2
# Leitfaden
Die Untersuchungsphase beginnt unmittelbar nach der Interventionsphase mit der Übergabe des Falles an eine unabhängige, multidisziplinäre Prüfinstanz oder Untersuchungskommission.
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Nachsorge

Phase #3
# Leitfaden
Die Nachsorgephase beginnt unmittelbar nach Abschluss der Untersuchungsphase und bildet gemeinsam mit dieser das zentrale Element der Aufarbeitung.
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Prävention

Phase #4
# Leitfaden
Die Präventionsphase zielt darauf ab, Machtmissbrauch, Fehlverhalten sowie ähnliche Krisen bereits im Vorfeld zu verhindern. Damit unterscheidet sie sich wesentlich von den anderen drei Phasen, denn sie ist nicht auf Reaktion, sondern auf Prophylaxe ausgelegt.
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Dabei wird die Aufarbeitung als Überbegriff der beiden Phasen Untersuchung und Nachsorge definiert.

Für jede Phase wird beschrieben:

  • Zielsetzungen,
  • Maßnahmen,
  • strukturelle Anforderungen und
  • Mängelindikatoren

Ziel des Modells ist es, Kulturinstitutionen in die Lage zu versetzen, professionell und verantwortungsvoll zu handeln, sowohl im akuten Krisenfall als auch im Rahmen langfristiger Kulturentwicklung. Es unterstützt dabei, typische Fallstricke zu vermeiden: Etwa die unklare Trennung zwischen Intervention und Aufarbeitung oder eine formalistische Präventionspraxis ohne Wirksamkeit.

Zyklisches Verständnis statt Linearität

Das Modell versteht sich als zyklisches Rahmenwerk professionellen Handelns. Es trägt der Erkenntnis Rechnung, dass Vorfälle strukturell bedingt sind und demnach keine zufälligen Einzelfälle darstellen. Jede Phase des Modells baut nicht nur auf der vorangegangenen auf, sondern wird durch kontinuierliche Rückkopplung mit den übrigen Phasen verbunden. Erkenntnisse aus dem Prozess fließen so systematisch in die Weiterentwicklung von Standards, Strukturen und Verfahren ein und erhöhen so die Lernfähigkeit der Organisation. Dies stärkt die Reaktionsfähigkeit der Organisation und fördert ihre langfristige Resilienz.

Die vier Phasen stellen keine starre Abfolge dar

Alle im Modell empfohlenen Maßnahmen orientieren sich an arbeitsrechtlichen Standards und wahren die Unschuldsvermutung. Der Prozess ist modular angelegt: Ein Einstieg ist grundsätzlich in jeder Phase möglich. Da in vielen Häusern keine interne Fachkompetenz für die Aufarbeitung von Machtmissbrauch sowie anderem Fehlverhalten vorhanden ist, wird das frühzeitige Einbinden externer Fachexpertise empfohlen.

Kommunikationsrahmen

(phasenübergreifend)

Kommunikation ist ein zentraler Erfolgsfaktor in jeder Phase. Um Wiederholungen zu vermeiden und Orientierung zu schaffen, gelten folgende übergreifende Kommunikationsprinzipien:

  1. Transparenz: Offenheit über Prozesse, Zuständigkeiten und nächste Schritte – im Rahmen des rechtlich und menschlich Vertretbaren.
  2. Schutz der Beteiligten: Wahrung der Vertraulichkeit, Schutz der Betroffenen und Unschuldsvermutung für Beschuldigte.
  3. Multiperspektivität: Anerkennung unterschiedlicher Wahrnehmungen und Sichtweisen; keine vorschnelle Vereinheitlichung von Erfahrungen.
  4. Dialogorientierung: Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Rückmeldungen ernst nehmen, Räume für Fragen und Sorgen schaffen.
  5. Glaubwürdige Sprecher:innen: Kommunikation erfolgt durch geschulte, glaubwürdige interne oder externe Personen mit explizitem Mandat.

In den einzelnen Phasen werden nur ergänzende Besonderheiten zur Kommunikation beschrieben.

Fazit: Verantwortung zeigt sich im Handeln

Das hier vorgestellte Modell beschreibt kein starres Verfahren, sondern einen dynamischen Lernprozess: vom akuten Krisenmanagement über transparente Aufarbeitung durch fachlich kompetente Untersuchung mit gezielter Nachsorge hin zur langfristigen Prävention. Die vier Phasen stehen nicht nur für zeitliche Abfolgen, sondern für unterschiedliche Verantwortungsbereiche.

Entscheidend ist nicht nur, dass eine Organisation handelt – sondern wie. Haltung, Klarheit und breite Beteiligung machen den Unterschied. Auch gut gemeinte Maßnahmen können wirkungslos bleiben, wenn sie symbolisch, unstrukturiert oder ohne Beteiligung der Belegschaft umgesetzt werden. Umso wichtiger ist es, typische Mängelindikatoren  zu kennen – sie helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielt gegenzusteuern.